Ernst Busch und seine Parteiüberprüfung Anfang der fünfziger Jahre
Kaderabteilung des Zentralkomitees der SED (Abschrift)
Die Wiedergabe der beiden Dokumente folgt in der Orthographie den Originalen
Überprüfungsprotokoll
Betr. : Genossen Ernst Busch, geb.22.1.00 - Nationalpreisträger, Deutsches Theater, Berliner Ensemble, "Lied der Zeit."
Die Genossen Tenner und Joos wurden beauftragt bei dem Genossen Ernst Busch die Parteiüberprüfung vorzunehmen.
Die Überprüfung ergab folgendes:
Gen. B. hat seit vielen Monaten sehr viel Ärger mit sich herumgetragen. Den Grund, der diesen ärgerlichen Zustand bei B. auslöste, fürhen wir weiter unten an.
Wir waren zu der Überzeugung gekommen, daß dem Gen. Busch das Mitgliedsbuch auszuhändigen ist.
Ge. B. ist gelernter Werkzeugmacher und entstammt einer alten Arbeiterfamilie. In der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung ist als er fortschrittlicher Künstler und Sänger durch sein Auftreten bekannt.
Gen. B. war in Spanien bei den Interbrigaden. Anschließend war er im Zuchthaus Brandenburg.
Ge. B. neigt zur Überheblichkeit. Er hat starkes Geltungsbedürfnis und ist wenig selbstkritisch. Aßerdem glaube er, daß ihm die Partei nicht richtig behandelt. Wir waren aber der Meinung, daß es in einem hohen Maße von ihm selbst abhänge. Ge. B. hätte die Pflicht gehabt der Partei seine Beschwerde schriftlich in sachlicher Form / vorzutragenund um ihre Stellungnahme zu bitten. Er hat es bisher nicht getan. Obwohl wir ihm gut zuredeten, hat er sich auch jetzt noch nicht verpflichtet, der Partei sein Anliegen schriftlich mitzuteilen.
Gen. B. verzögerte seine Überprüfung durch die Parteiorganisation des Kreises Berlin-Mitte mit dem Argument, daß er eine ganze Menge differenzen habe, die er erst vorher mit der Partei klären müßte.
/ sowie vermeintlich Differenzen und seine ganzen Argumente.
- 2 -
Auch jetzt mußten wir noch sehr lange auf ihn einwirken, bis er bereit war, sich überprüfen zu lassen.
Genosse Busch hat im wesentlichen folgende Beschwerden vorzutragen:
1.) Er glaubt, daß es die Partei war, die schon 1936 durch eine Brief verhindert hat, daß er nach Moskau kam, als der Kampf in Spanien beendet war.
2.) Sieht er die Tatsache, daß man sein Mitarbeit im Film "Wilhelm Pieck" ablehnte und in anderen derartigen Fällen seine Mitarbeit auch nicht in Anspruch genommen wurde, als eine Beweis dafür an, daß die Partei etwas gegen ihn habe.
3.) Führt er ein Telegranm an, welches von Gen.Honecker über den offiziellen Postweg an Berthold Brecht geschickt wurde.
Dieses Telegramm betrachtet er als eine offensichtliche Herabsetzung seines Ansehens und sieht auch hier hinter dieser Sache die Partei. Wir erklärten ihm, daß die Auffassung der Partei nicht von derartigen Dingen, wie das Telegramm abhängig gemacht werden kann. Wortlaut des Telegramms:
Lieber Berthold Brecht gleich bei der ersten Besprechung baten wir darum von einer Nennung Ernst Buschs im Herrenburger Bericht abzusehen, dies würde von uns nicht über unseren Kreis hinausgetragen wir halten nach wie vor eine Beibehaltung der Fassung in diesem Zusammenhang untragbar schon allein deshalb weil zwischen Busch und der Herrenburger Aktion kein Zusanmenhang besteht und wir auch nicht interessiert sind durch die Arbeit der FDJ Ernst Busch über das bekannte Maß heraus zu popularisieren wir bitten um Deine Entscheidung.
Freundschaft Erich Honecker
- 3 -
4.) Ein Pionierheim, welches den Namen "Ernst Busch" trug, wurde vom Zentralrat der FDJ in "Wilhelm-Pieck-Heim" umbenannt, was zur Folge hatte, daß Gen. B. hier wiederum einen Grund sah gegen den Zentralrat vorzugehen.
5.) Beschwert er sich darüber, daß der Zentralrat das Gericht verbreitet, daß er - Genosse Busch - für ein einmaliges Auftreten DM 1000,- verlangt. Eine Tatsache, die er entschieden in Abrede stellt.
6.) Weiter beschwert er sich nochmals über den Zentralrat, er habe dem ZR 17000 Schallplatten geschenkt vor etwa 2 Jahren. Später habe er festgestellt, daß die Schallplatten vom Zentralrat das Stück zu 2,- verkauft wurden, anstatt wie er sich gedacht habe, Pionier-und Jugendheimen kostenlos zu Verfügung zu stellen.
7.) Genosse Busch ist der Auffassung, daß von befreundeter Seite schon mindestens 3 mal der Versuch gemacht wurde ihn nach der Sowjetunion einzuladen bzw. daß Einladungen dieser Art abgelehnt wurden. Wer abgelehnt hat und warum abgelehnt wurde, daß will er wissen. Er gibt außerdem an, daß Mischa Wolf, sowjetische Kulturvertreter bzw. Organisationen und Künstler ihn eingeladen haben. Brecht, Becher, Eisler und Busch. Wer abgelehnt und war, sei ihm nie bekannt geworden.
8.) Bei einem Besuch im "Lied der Zeit" habe ihm der Genossen Wilhelm P i e c k beim Verabschieden gesagt, daß Du bei einer evtl. Einladung durch das Politbüro, etwas sagen würdest, das Politbüro kann Dich am Arsch lecken, daß ist doch wohl nur so herausgerutscht?
Genosse Busch lehnt entschieden ab, jemals eine solche Außerun9 gemacht zu heben. Weder in Bezug auf das Politbüro noch auf das ZK.
- 4 -
Er habe anläßlich des Besuches von 2 Freunden der FDJ bzw. des Zentralrates Äußerungen getan, wo man an ihn das Ansinnen stellte, das 47 Nationalhymnen zu den Weltfestspielen gespielt werden sollten, sie hatten abei alle Nationalhymnen wie sie seit 1936 auf den Olympischen Spielen aufgeführt worden waren, vorgeschlagen. Er, Gen.B. habe abgelehnt die spanische und die griechische Nationalhymne zu spielen, weil die Hymnen dieser reaktionaren faschistischen Länder als eine Provokation aufgefaßt werden müßten. Als man ihn immer attakierte trotzdem er nicht wollte, habe er die Außerung gaten, der Zentralrat kann ihn am Arsche lecken, in "Lied der Zeit" kommen solche faschistischen Nationalhymnen nicht heraus.
10.) Als wir dem Gen.B. sehr ernsthaft die Frage stellten, ob ihm an der Parteimitgliedschaft gelegen ist oder nicht, erklarte uns Gen.B.: J a. Wir erklärten ihm, daß er dann auch verpflichtet ist die Parteidisziplin zu wahren und das Statut anzuerkennen und sich auch entsprechend unseren Prinzipien aufzuführen. Es geht nicht an, daß er in der Stadt herum läuft und bei der Gelegenheit seinem Ärger in der Form Luft macht, daß er über jeden und alles schimpft.
Genosse Busch muß noch die Bilder und sein altes Mitgliedsbuch bringen.
gez.Joos /Joos) |
gez.Tenner |
Berlin, den
6.3.1952
SIII Jo/Ha.
F.d.R.d.A.
Ursula Hempelt
Sitzung des Sekretariats der Kreisleitung der SED Berlin-Mitte vom 20. Mai 1952 (Abschrift)
Mit Ernst Busch wurde wegen seiner Mitgliedschaft noch einmal Rücksprache genommen. Er erklärte, daß er im ZK als Nationalpreisträger überprüft worden ist und alles abgegeben hat, bis auf die drei Bilder, die schon wiederholt angefordert wurden. Der Gen. Joost von der Kaderabteilung des ZK hat die Sache Busch bearbeitet. Ernst Busch hat mit einigen Genossen im ZK Differenzen, u.a. mit Erich Honecker. Von diesen Genossen, besonders von seiten der FDJ werden ihm Vorwürfe gemacht, die ich im Augenblick nicht beurteilen kann. Er hat aufgrund der Differenzen an die Genossen im ZK 5 Fragen gerichtet, die er unbedingt beantwortet haben will, da er sich sonst weigert, Bilder für sein neues Parteidokument abzugeben. Ich machte ihm klar, daß man seine Mitgliedschaft zur Partei doch nicht davon abhängig machen kann, ob man irgendwelche Differenzen hat und persönlich mit einigen Genossen und ihrer Arbeit nicht einverstanden ist, und daß diese Frage ihm doch klar sein müßte bei seiner Tradition in der Arbeiterbewegung.
Darauf ging er selbst auf seine Vergangenheit ein und hob seine Leistungen für die Partei hervor (sehr überheblich). Von der eigentlichen Frage jedoch wich er ab mit dem Bemerken, man solle ihm erst Antwort auf die Fragen geben. Er sagte auch, daß er es gar nicht nötig hatte, sich mit dem "Lied der Zeit" herumzuärgern, er sei Schauspieler und kann sein Geld auch woanders verdienen.
Quelle: Bezirksleitung Berlin der SED. Bezirksparteiarchiv. IV/4/04-44 (Die Akte wurde 1983 eingesehen.)
P.S.: Busch erhielt vom Zentralkomitee der SED natürlich keine Antwort auf seine Fragen und das Zentralkomitee der SED keine Paßbilder von Busch. Seine Mitgliedschaft »ruhte« und man ließ Busch in Ruhe - bis ihm nach dem VIII. SED-Parteitag (1971) der Ideologie-Chef Kurt Hager ein Parteibuch nach Hause brachte, in das Haus, das jetzt einem Baumarkt weichen soll.
Siehe auch Reinhold Andert: "...Da hat der Busch gesagt: »Wen schickt die Partei da, um mich zu befragen? Ihr müßt ja wohl blöde sein! Behaltet den Lappen!« Und das wurde dem Ulbricht gemeldet. Die suchten damals einen Vorwand, um Busch rauszuschmeißen. Ihn traf das sehr hart, weil er seitdem kein Konzert mehr hatte, keinen Auftritt, gar nichts...
Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service